| Kölner Verkehrsnotizen | ||||||
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Der GroßstadtverkehrstestGern schmückt sich Köln mit dem Titel Millionenstadt, den sie jetzt auch endlich dank Eingemeindungen und Zählungen von Studenten, Zweitwohnsitzen et cetera erreicht haben zu glauben. Um mit einem Exkurs in die Welt der Zahlen zu beginnen, die Kölner Bevölkungersstatistik (Stand 2003) weist 1020603 Einwohner aus; allerdings nur 970695 mit Hauptwohnsitz in Köln. (Übrigens davon 1601 aus Nordamerika; davon wiederum 201 Kanadier, 1399 US-Amerikaner sowie 1 (in Worten: eine) Person aus den übrigen nord-amerikanischen Ländern.) Kurz, an der Millionengrenze schrammt Köln bei nüchterner Betrachtung knapp vorbei, und bei der derzeitigen Entwicklung dürfte es noch fünftzehn bis dreißig Jahre dauern, bis die sich kaum vermehrenden Eingeborenen diese erreichen; außer ein weiterer Landkreis wird feindlich übernommen und eingemeindet, wie dies ja hin- und wieder praktiziert wird. Von kleinlichen Details wie 30.000 Einwohnern mehr oder weniger lässt sich ein wahrer überzeugter Kölner natürlich nicht stören; mit der Präzision handhabt man es hier eher wie mit der Pünktlichkeit. Die paar Menschlein liegen locker innerhalb des akademischen Viertels, welches selbstverständlich immer zugunsten des Kölners angewandt wird, bei Bedarf auch mehrfach - und welches einen Immi am Anfang seiner rheinischen Sozialisation in schiere Verzweiflung treibt, bis er sich anpasst und einfach automatisch fünftzehn bis dreißig Minuten zu spät kommt und somit die verbleibende Wartezeit auf den eingeborenen Kölner wenigstens verkürzt. Dieses Ansinnen wird einem aber von den Kölnern auch deutlich erleichtert, denn in dieser Stadt pünktlich zu sein erfordert größte Anstrengungen und starke Nerven. Womit wir elegant bei der zentralen Fragestellung dieser Glosse angelangt sind: Ist der Kölner an sich reif für den Status als Millionenstadtbewohner? Ziehen wir als Maß den öffentlichen Straßenverkehr heran; ein Kriterium, an dem auch hundertausende WM2006 Besucher die Stadt messen werden. Der Autoverkehr...Auf der Autofront scheint oberflächlich alles klar; Baustellen und Staus auf Ringen und Gürtel von der Autobahn bis zur Innenstadt und den Rheinbrücken knappe Parkplätze rund um die Uhr und ein Einbahnstraßendschungel in den Veedeln sind absolut Millionenstadtkompatibel, ebenso die solide Finanzierung der Polizeibälle durch Parktickets, Abschleppkosten und Geschwindigkeitsüberschreitungen. Der Kölner fährt in normaler Witterung relativ brauchbar, wenn für einen echten Großstädter einfach zu entspannt und mit fehlender Aggressivität. Reißverschlußverkehr bereitet keine größeren Probleme, falls kein mit BM-Kennzeichen behaftetes Fahrzeug die Stadt mit der Idylle verwechselt oder ein Dler den Jagdinstinkt weckt. Auch Links abbiegen trotz Verbot, Parken in zweiter Reihe sind allgemein üblich und ein klares Indiz für Großstadt-Tauglichkeit. Jedoch, man ist versucht als Immi für den Führerschein ab 18 zu plädieren. Genauer, ab 18 Grad Celsius; denn sobald auch nur das Anzeichen von Nässe in Verbindung mit niedrigen Temperaturen absehbar ist bricht eine kollektive Tempovierzigmanie (auch auf Autobahnen) aus, alternativ werden die künftigen Entwicklungen aktiv antizipiert und die von Glatteis verursachten Unfälle schon einmal vorwegenommen, was aber natürlich weiteren Unfällen bei echtem Eis und Schnee nicht entgegen steht. Et kütt wie et kütt. Et hätt noch immer jot jejange. Auch die Kölner Taxifahrer versuchen ihr bestes, großstädtisches Flair zu vermitteln. Die Frage, über welche Brücke man vom Hauptbahnhof nach Lindenthal fahren zu wünscht kann man aber getrost mit der Hohenzollernbrücke beantworten. Das beste reicht leider nicht, zu oft beachten Kölner Taxifahrer noch Verkehrsregelungen wie Einbahnstraßen, Zebrastreifen und kirschgrüne Ampeln. Hier soll jedoch ausnahmsweise Gnade vor Recht ergehen und mit einer 51:49 Mehrheit die Großstadttauglichkeit bestätigt werden; die Parkplatzsituation in der Kölner Südstadt gibt hier den letzten Ausschlag, wo sich dann auch endlich die nötige Aggression am Steuer einstellt. 1:0 für Köln. ÖPNVDer öffentliche Personennahverkehr kann es an Komplexität noch lange nicht mit dem einer ordentlichen Millionenstadt wie Berlin oder Hamburg aufnehmen (vom internationalen Vergleich ganz geschwiegen), ebenso fehlt eine echte U-Bahn. Der Bau einer neuen unterirdisch geführten Strecke am Rhein entlang sorgt derzeit jedoch für Baustellen an den Rheinbrücken und einstürzende Kirchen, welches Sonderpunkte für die Behinderung des Kraftfahrzeugsverkehrs begründet. Die Kölner Verkehrsbetriebe sind durch fehlende und zögerliche Informationen über Verspätungen und ihre Ursachen voll auf Großstadtkurs, jedoch dennoch erstaunlich oft pünktlich. Ebenso die in letzter Zeit im Schwarm auftretenden Kontrolleur-Einsätze, deren großstädtische Unfreundlichkeit ich aufgrund eines Monats-Tickets nicht persönlich testen kann. Die Farbgebung der unterirdischen Stationen der Straßenbahn strahlt einen unangenehmen Siebzigerjahrecharme aus; die dadurch verursachte Beklemmung ist absolut metropol, wenn auch zu hell ausgeleuchtet. Zu selten wird man jedoch in diesen von Bettlern behelligt, so das hier nicht die volle Punktzahl vergeben werden kann; jedoch wird hier auch in Hamburg und München durch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen die Punktzahl gemindert, so das zu befürchten steht von London vollends deklassiert zu bleiben. Die Häufung von mit Elan durch die Bahnen streunenden Verkäufern von Obdachlosenzeitungen ist ein Anfang; als absolute akustische Pest, die jeden vernünftig denkenden Menschen sofort zu Bluttaten gegen den Spieler und gegen diejenigen, die diesen Parasiten auch noch Geld geben, erhält Köln jedoch für die in Straßenbahnen aufspielenden Akkordeonpusteln einen Sonderbonus, die dankenswerterweise in München vom Sicherheitspersonal sofort entfernt werden. Dieses sieht das in Köln einfach viel zu locker, was den Sonderbonus direkt wieder aufwiegt. Absolut inakzeptabel ist jedoch die Wartezeit an den Haltestellen; viel zu lange bleiben die Türen der Waggons geöffnet, viel zu zögerlich werden sie geschlossen. (Über die mangelnde Befähigung des Kölners zur Benutzung dieser mehr im folgenden Abschnitt.) Diese laxen Fahrpläne sind eindeutig nicht für eine Großstadt geeignet, ganz zu schweigen davon das es sehr frustrierend ist länger auf die Einfahrt in die nächste Haltestelle in Warteposition zu stehen als man von dort bis zur nächsten Haltestelle laufen würde. Ganz zu schweigen von den Büdchen (hochdeutsch: Kiosken), die selbst an wichtigen Haltestellen (Neumarkt, Kalk-Post und andere) oft bereits vor Mitternacht geschlossen sind. Dieser Punkt geht nicht an Köln, sondern schafft den Ausgleich auf 1:1. Das Fußvolk und anderer unmotorisierte VerkehrsteilnehmerAls (aller)letztes betrachten wir nun den Kölner Fußgänger an sich. Wie er gemütlich die Hohe Straße und die Ehrenstraße entlang flaniert, auf den Ringen die Radwege blockiert, sich durch Kaufhäuser schiebt und Rollentreppen "benutzt". Hier offenbaren sich die wahren Abgründe, die mich stoischen Ostwestfalen auch nach mittlerweile vier Jahren im Kölner Exil regelmäßig zur Weißglut treiben, und ich mich ebenso regelmäßig genötigt sehe, meine Trainingswaffen unter Auferbietung großer Willenstärke nicht einzusetzen. Der Kölner geht nicht, er schleicht. Und wenn er sich dabei bewegt, dann nicht geradlinig vorwärts, sondern unkoordiniert oszillierend von rechts nach links, so das ein Überholmanöver massiv erschwert oder meist gänzlich verhindert wird. Und ab einer Zweiergruppe wird sowieso jeder Gehweg zu einem Gehnicht. Selbst wenn ein entgegenkommender Kölner überraschenderweise ausweicht, tut er dies meist nicht nach rechts (wie jeder denkende oder auch nur stumpf trainierte Mensch, der im kontinentalen Europa mit Rechtsfahrgebot seine Führerscheinausbildung absolviert hat, es eigentlich erwarten sollte), sondern in die Gegenfahrbahn. Auf (Roll)treppen steht der einzelne Kölner prinzipiell in der Mitte, und wenn er in losen Gruppen auftritt, abwechselnd links und rechts. Das in Dyaden freistehende Kölner natürlich generell nebeneinander stehen und die volle Breite der Treppe blockieren ist selbstverständlich. Auf Rolltreppen wird (natürlich!) gestanden; sollte auf einer unbewegten Treppe die Eigenleistung unvermeidlich sein beachte man auch den vorherigen Paragraphen, gesteigert in die dritte Dimension. Ein Verhalten, für das ihm in München oder Hamburg von jeder Retnerin mit Krückstock ein neuer Scheitel gezogen würde, und dies vollkommen berechtigt. Um auf die Benutzungsbefähigung des ÖPNV zurückzukommen, selbstverständlich wird jede sich öffnende Tür von den außen wartenden Kölnern versperrt, um den Ausstieg zu verzögern. Beim Einstieg hingegen wird sich im direkten Eingangsbereich gestaut, anstatt den Platz mittels "Durchgehen" (merke Dir dieses Konzept, Kölner!) wenigstens annähernd auszunutzen. Dies stört natürlich wieder einmal keinen Kölner, denn das Konzept "Eile" ist in der rheinischen Rübe einfach nicht vorgesehen; als ich einmal in echter welcher auf einer Rolltreppe freundlich (ich schwöre!) rief: Entschuldigung, könnten Sie mich bitte vorbei lassen? drehte sich der Verstopfer nur um und sah mich vollständig verwirrt und nachdenklich an; offensichtlich hatte er nicht verstanden, was ich von ihm wollte. (Das ich die Straßenbahn demzufolge um die entscheidenden Sekunden verpasste, ist eigentlich nicht der Erwähnung wert.) Mancher Stadtführer nennt Köln wegen dieser "Entspanntheit" auch die nördlichste Stadt Italiens. Ich empfinde dies jedoch als eine Beleidigung der Italiener, die in ihren Städten durchaus zu einem ordentlichen Fußgängerverkehr befähigt sind, und in Punkto Straßenverkehr kann der Kölner sehr, sehr viel lernen. Auf diesem Gebiet versagt Köln enorm; man wünscht sich Fußgängertrainingsseminare als Pflichtveranstaltung für alle Kölner, die nicht sowieso von einem Immi persönlich ausgeführt, angeleitet und beaufsichtigt werden. Geeignete Seminarleiter sind sicherlich in London ausfindig zu machen, und durch die Prüfung durchgefallene (somit unter Hausarrest befindliche) Kölner kurbeln die Umsätze von Bringdiensten an und tragen massiv zur Entlastung der Verkehrswege bei. Es sei noch kurz die bedauerliche Situation von Radfahrern erwähnt. Offensichtlich sind die meisten Radwege in Anbetracht der unerträglichen und vorallem unberechenbaren Fußgänger unbenutzbar. Dementsprechend ist der Kölner Radfahrer auch nicht geübt, selbst zügig zu fahren und erreicht nur selten eine vom Fußgänger wesentlich verschiedene Geschwindigkeit. Positiv wird vermerkt, das man wie in München von Autofahrern jedoch geschnitten, angehupt und beschimpft wird (wenn auch, für München eher untypisch, zumindest in meinem Veedel Kalk eher auf Türkisch) wenn man ob dieser Zwangslage (wie gesetzlich durchaus erlaubt) auf die Fahrbahn ausweicht. Dieser Punkt geht ganz, ganz sicher nicht an Köln. Das ErgebnisEs bleibt ein erschreckendes Fazit: 2:1 gegen Köln. Diese Stadt ist in keinster Weise auf das Privileg einer Millionenstadt vorbereitet, und die Blamage bei der WM2006 nahezu unabwendbar. Es bleibt der Aufruf an die Lokalpolitiker, dringend Sofort-Maßnahmen einzuleiten. Insbesondere die Schulung und Abrichtung der Fußgänger, das anbringen von Rechts stehen, links gehen-Schildern an allen Rolltreppen und die Verkürzung des Fahrplantaktes der KVB sollten Bestandteil eines jeden Drei-Punkte-Plans zur akuten Verbesserung der Situation sein. Ich werde die Fortschritte auf diesen Gebieten bedauerlicherweise persönlich beobachten. Falls Sie mir auf der Straße begegnen, gehen Sie mir bitte, bitte einfach aus dem Weg. | ||||||
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