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ICE 558 Berlin to Cologne, 2005-04-04

Nein, Herr Meier, die Business Class ist mit privilegierteren Passagieren besetzt. Ihre Status-Meilen reichen nicht für ein Upgrade aus; Sie gehen uns wohl zuviel fremd! flötete die Stewardess schon fröhlich am Check-in Counter; dabei war er extra zeitig angereist! Wieder hatte er das Upgrade knapp verpasst; seine Firma buchte ihn immer auf unterschiedliche Gesellschaften, so das er nie genug Meilen für den Prestige-trächtigen Vielflieger-Status (und die damit verbundene bessere Behandlung!) sammeln konnte.

Wir haben heute leider einen vollen Flug; der letzte freie Sitz ist 24E. Der Tag versprach, immer besser zu werden - Herr Meier kannte die Bestuhlung der Maschine, das war ein Middle-Seat direkt hinter der Exit-Row; selbst die geringfügig bessere Beinfreiheit in der Cattle-Class, wie Herr Meier die Economy Class treffender nannte, blieb ihm verwehrt, aber er würde sie die ganzen zwölf Stunden Flug direkt vor den Augen haben; und jedes Mal wenn er aufstand, die abschätzigen Bemerkungen der Reihen hinter ihm, denen er dann durch das Bild laufen würde.

Aber fragen Sie doch am Gate noch einmal nach; vielleicht schafft ja ein Passagier seine Connection nicht. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, immerhin.

Herr Meier lässt sich in der Warteschlange der Sicherheitskontrolle (die lang(sam)e für Economy Passagiere, natürlich!) den bisherigen Tag nochmal durch seinen Kopf gehen: schon als er um 5 Uhr morgens das Haus verliess hatte ihn seine Frau keines Blickes gewürdigt; sie wusste sein berufliches Engagement, das diese Reisen notwendig machte, nicht zu würdigen und vermutete hinter jeder Langstreckenreise einen Vergnügungstrip - genau wie auch die meisten seiner Freunde, Bekannten und Kollegen, denen er versuchte, sein Leid zu klagen.

Der Taxifahrer erschien schon mit etwas Verspätung, und als ihm dann Herr Meier die Fluggesellschaft und das Terminal nannte, zu der er gefahren werden wollte (musste!), musterte er Herrn Meier von oben bis unten in seinem piekfeinen Nadelstreifenanzug und meinte Dieser schnieke Anzugswahn nimmt ja auch schon im unteren Management Formen an... Herr Meier hatte die Anspielung schon verstanden!

Im Terminal angekommen, reihte sich Herr Meier vor dem Economy Schalter ein; immerhin, an dieser Stelle war er nahezu allein. Kein Wunder, so früh wie er erschien, hatte die Airline wenig Kundschaft, das war ja eher Ferienfliegerklientel, das in letzter Minute einchecken würde und wie aufgeschreckte Hühner das Gate, die Gangway und die Gänge im Flieger verstopfen würden; vermutlich würden sie auch bei Start und Landung entsprechendes Verhalten zeigen. Wie sie trotzdem schon alle Sitze reserviert haben konnten war ihm ein Rätsel; seine Firma sparte scheinbar wirklich an jeder noch so kleinen Möglichkeit.

Inzwischen war Herr Meier an dem Kontrollpunkt angekommen - ein Blick des Beamten in sein verschlafenes Gesicht und seine Boardkarte und er bekam ein gelbes Kreuz auf diese; Herr Meier, Sie wurden zufällig ausgewählt für den erweiterten Sicherheitscheck, bitte folgen Sie mir. Zufällig, alles klar - das war doch Absicht!

Seufzend ergab sich Herr Meier in sein Schicksal. Hinter der Trennwand musste er alle Metallgegenstände ablegen: Die Ösen seiner Schuhe, die (schmale) Gürtelschnalle, alles musste er ausziehen und röntgen lassen, die Hose aufknöpfen um nachzuschauen, ob sich hinter der Schnalle kein Metall mehr verbag. Doch noch immer gaben die Scanner keine Ruhe: Haben Sie Metall vor der Brust? Siedenheiß fiel es Herrn Meier ein: Seine Namensplakette, sein Stück bewahrte individuelle Wildheit. Der Beamte tastete diese von außen ab - Das könnte immer noch eine Klinge sein; bitte legen Sie die Kette ab. Herr Meier zog seine Krawatte auf, knöpfte das Hemd auf - und bemerkte, die Kette hing in seinen Hosenträgern fest. Er hatte keine Wahl, er musste vor den Beamten seinen nicht gerade ansehnlichen Oberkörper entblößen und errötete. Mit mildem Grinsen schaute der Beamte dann kurz auf die Plakette, und winkte ab: In Ordnung, einen schönen Flug noch.

Entsprechend wirr gekleidet passierte Herr Meier endlich den Kontrollpunkt, unter den Blicken der anderen Passagiere, die sich sicherlich fragten, wieso gerade er so intensiv gefilzt wurde. Er konnte ihr Getuschel hören! Mit eingezogenem Kopf bahnte er sich seinen Weg durch die drängelnden Massen (Touristen!) zum Gate.

Am Gate angekommen, trug Herr Meier, inzwischen seine Krawatte halbwegs geordnet habend, sein Anliegen bemüht höflich erneut vor; jedoch geriet er beim Anblick der langen Beine der Stewardess ins Stottern, und wurde zusammen mit anderen ebenfalls auf ein Upgrade hoffenden Passagieren auf eine Warteliste gesetzt.

Der Abflug rückte näher, und Passagiere, die eindeutig nach ihm am Counter waren, wurden nach vorne gerufen und bekamen neue Boarding Passes ausgehändigt.

Als das Boarding endlich begann, lächelte ihm die Stewardess mitleidig zu; Vielleicht zahlt Ihnen die Firma ja beim nächsten Mal Business Class, Herr Meier; keine Sorge, die nächste Beförderung kommt bestimmt. Herr Meier war sich nicht sicher, wie diese Bemerkung gemeint war, sie hob jedoch genau in die richtige Kerbe: Herr Meier wartete schon sein fast drei Jahren auf die nächste regelmäßige Beförderung, und immer wurde er übergangen. Er zog seinen Kopf noch ein wenig tiefer an und nickte der Stewardess stumm zu, während er sich auf den Weg in die Maschine machte.

Nachdem er sich endlich durch die engen Gänge gekämpft hatte, traf ihn der nächste Rückschlag: Links und rechts von seinem Platz saßen schon seine Nachbarn, zwei Kerle wie Marshmallows, in kurzen, schwitzigen T-Shirts die BILD-Zeitung und Praline lesend, und unterhielten sich mit bayerisch und sächsischem Akzent über die Action, die sie auf dem Spring Break Festival erleben wollten.

Mühsam nahm er den engen Platz zwischen diesen beiden ein, die ihn von links und rechts einengten. Dabei hatte Herr Meier doch Platzangst, und er fühlte schon die Atemnot in sich aufsteigen. Anerkennend pfiffen die beiden Kolösse, als die Stewardess die Sicherheitsmaßnahmen erklärte; da Herr Meier diese schon in- und auswendig kannte, schenkte er ihr kein Gehör, sondern beobachtete stattdessen die Mimik des sicherlich schwulen und vollschlanken Stewards - der den Pfiff auch hörte, überrascht in Herrn Meiers Richtung blickte, die Situation mißverstand und Herrn Meier zuzwinkerte; das konnte ja ein heiterer Flug werden.

Direkt nach dem Start begannen sich sein schlimmsten Befürchtungen zu erfüllen: Nach dem (dilettantisch ruckligem) abheben stifteten die beiden Kolosse eine La Paloma-Welle durch die Maschine an; Arme hoch: eine volle Dosis Schweißgeruch, Arme hinab: massige Ellbogen, die Herrn Meiers Unterarme schmerzhaft trafen.

Herr Meier versuchte, sich in sein Schicksal zu fügen, legte die Augenmaske an und setzte sein Oropax ein - welches die Geräuschkulisse der beiden von Hard bodies fabulierenden Gestalten kaum dämpfte -, und fädelte seine Beine halbwegs zwischen den Haxen von links und rechts unter seinen Vordersitz, als sich dieser schwungvoll mit dem Gewicht eines Sandsacks zurücklehnte und seinen harten Tascheninhalt gegen seine Knie schmetterte; die Lehne seines eigenen Sitzes ließ sich natürlich keinen Millimeter bewegen.

Nun gut, jetzt konnte es ja kaum noch schlimmer kommen; Herr Meier schloß die Augen, und begann sofort zu schlafen, trotz der Geräuschkulisse und der einem Käfig ähnelnden Platzverhältnissen. Diese Rechnung hatte er allerdings ohne die beiden wohlmeinden Menschen neben ihm gemacht: jedes Mal, wenn die Stewardess an der Reihe vorbeikam, stießen sie ihn an und gaben erst Ruhe, wenn er die Maske hochzog, das Angebot entsprechend würdigte und entgegen nahm.

Jedes Mal, wenn diese beiden sich in ihren Sitzen scheinbar entspannt streckten - was sie häufig taten -, drückten sie Herrn Meier ineinander, was seine drohende Atemnot hervorkitzelte und ihn seine Krawatte lockern ließ.

Bei der Verteilung des Futters - Herr Meier weigerte sich, von Essen zu sprechen -, weckten sie ihn garnicht erst, sondern liessen gleich das Tischchen auf seine Knie fallen und nahmen das einzige noch verfügbare Gericht entgegen: Weichgekochte Pasta, die aussah, wie schon vorgekaut, und auch so schmeckte. Herr Meier zwang sich, sie dennoch herunterzuwürgen, da dies die einzige Nahrung seien würde, die er auf diesem Billigflug-Erlebnis bekommen würde.

Natürlich konnten dabei die beiden neben ihm hantierenden Männer ihre schwulstigen, sich schmierigen anfühlenden Unterarme und Ellbogen nicht auf ihren Bereich beschränken; sie stießen ihn, und natürlich bekleckerten sie ihn auch mit Tomatensauce, was sie mit einem entschuldigenden Achselzucken quittierten. Als die Tablets wieder eingesammlt wurden, meinte eben jener Steward betont höflich zu ihm: Essen an Board ist nicht immer ganz einfach; falls Sie sich die Flecken auswaschen wollen, kommen Sie doch gerade mit mir nach vorne. Unter den feixenden Blicken von links und rechts lehnte Herr Meier dies ab, und spürte, wie ihm wieder einmal die Röte ins Gesicht schoß.

Nachdem die Fahnen von links und rechts, wo dem kostenpflichtigen Bierprogramm ausgiebig zugesprochen wurde, unerträglich wurden, ging es endlich auf die Landung zu, und die vermeintlich belebenden Heißgetränke wurden serviert. Den Kaffee hatte Herr Meier schon beim letzten Mal probiert, und ihm war, als hätte er nach ausgekochtem Leder geschmeckt. Dies ging er auf Nummer sicher und wählte den Tee.

Als er diesen probierte, spuckte er ihn beinahe wieder in den Becher; die freundlichste Frage des Stewards, ob alles in Ordnung sei, oder ob er Hilfe benötige, verneinte Herr Meier jedoch hektisch, um jeden weiteren Kontakt zu vermeiden. Mit leicht gequältem Lächeln trank er den Tee aus - Nein, alles bestens, danke sehr. Woran erinnerte ihn der Geschmack und dampfende Geruch dieses dünnen, gelblichen Getränkes nur?

Endlich, nach Stunden, die ihm viel länger als zwölf vorkamen, der Touchdown: Natürlich starteten die beiden neben ihm auch hier ein betäubendes Klatschen und Gejohle, nicht ohne ihn dabei und beim verlassen der Maschine noch mehrfach tolpatschig anzurämpeln.

Nachdem Herr Meier endlich das Gate passierte, richtete er sich wieder auf, schüttelte die Krämpfe und eingeschlafenen Gliedmaßen aus, und zog seine Krawatte wieder grade.

Schaudernd blickte er in den diffus beleuchteten, schlecht belüfteten Raum hinter sich, in dem in einem schäbigen Ambiente fünf abgewetzte, orginal bestuhlte Economy Reihen standen.

Wie gut, das ihm als geschäftsführendem Vorstand eines internationalen Konzerns diese Qualen normalerweise erspart blieben.

Aber immerhin, versuchte er nicht, sich mit allem Engagement in die Situation seiner Angestellten hineinzuversetzen, die im Interesse des Share Holder Values auf Business Class verzichteten? Er investierte gar privates Kapital und Zeit!

Beim Verlassen des Gebäudes, er winkte schon die wartende Limousine herbei, drückte er Mistress Charlene einen Umschlag in die Hand und buchte für das nächste Mal dann aber doch First Class nach Tokyo mit Air Japan mit Fullservice: es galt schließlich, neue Schlüsselmärkte zu eröffnen.

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