| RACK versus SSC | ||||||
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Köln, 2004-05-10 Erschienen in den Schlagzeilen in Ausgabe 71 im September 2003. Nachdruck im SM Handbuch Spezial 1 (2005) Die allgegenwärtige Abkürzung SSC ist das Mantra nicht nur der deutschen BDSM Szene; sauberer, aktzeptierter SM wird an dieser Marke gemessen. Was könnte auch an Safe - Sicher, Sane - Vernünftig, Consensual - Einvernehmlich zu kritisieren sein? Nun, dazu befragt man am besten jene, die gerne in Grenzbereichen spielen, wo die Abdeckung durch SSC nicht mehr so offensichtlich ist; mich zum Beispiel. Und auch wenn die Schar derer, die die SSC-Keule schwingend damit BDSM als gerade das definieren, was noch von ihrem eigenen Horizont erfasst wird, in letzter Zeit erfreulich geschrumpft ist: man kann ein anklagendes Das ist doch nicht mehr SSC! hier und dort noch vernehmen. Und sei es implizit in der nervösen Frage: Ist das denn noch SSC?. Auch Subkulturen grenzen sich scheinbar gerne ab - oder böse formuliert: biedern sich gerne an, weil sie doch nicht so schlimm sind wie die dadrüben. Es ist nicht leicht zu vermitteln, daß Flag bis aufs Blut, Spiele im psychischen Grenzbereich oder Tunnelspiele, um nur weniges zu nennen, noch unter SSC fallen. Vielleicht, weil dem in der Tat nicht mehr so ist? Das Mantra SSC schafft leicht Akzeptanz von BDSM. Aber auch ein Bild, in dem immer Friede, Freude, Eierkuchen und Gruppenknuddeln herrscht, in dem es meist eher trotzallem sanft zugeht. Ergänzt zum SSCF (F wie Fun) kommt man leicht auf den Gedanken, es müsse zudem noch zu jedem Zeitpunkt Spaß machen oder gar lustig sein. Dies ist oft genug wahr und jeder möge seinen Weg dort selber finden. Und es sei mir nachdrücklich trotz aller spitzen Formulierungen fern, dieses als schwächeren BDSM benennen zu wollen. Dennoch: wenn diese Erwartungen dann durch krasse Erlebnisse - insbesondere Beobachtungen auf Feten, Erzählungen und ähnliches - scheinbar verletzt werden, entsteht ebenso leicht ein Ausschluß der Grenzgänger. Die Erweiterungsversuche sind ebenso hinlänglich bekannt wie das Mantra: Von Meta-Konsens wird gesprochen (gerne und viel auch von mir), davon, das eben die körperliche oder psychische Gesundheit nicht nachhaltig Schaden nimmt. Lang und ausführlich wird gerechtfertigt und argumentiert. Wirklich befriedigend sind diese Erklärungen nicht: Sind Spuren oder gar Pannen, die eventuell vom Arzt behandelt werden müssen, etwa nicht nachhaltig - ist das noch sicher? Kann ein Spiel, das ein Trauma thematisiert, noch vernünftig sein? Darf ein Nein! eines Menschen jemals übergangen werden? Kurz, es bleibt ein schaler Nachgeschmack: es erweckt den Anschein, als würde nachträglich versucht, etwas zu legitimieren, was so eigentlich nicht dazu gehört. Flickwerk. Es besteht also Nachbesserungsbedarf. Vor erst kurzer Zeit stieß ich beim Stöbern im Netz auf die Abkürzung RACK im BDSM-Kontext. Überrascht von einem mir unbekannten Kürzel begann ich nachzulesen. Und fand das in der amerikanischen Szene diese unterschwellige Unzufriedenheit mit SSC, die mich schon länger begleitete, schon thematisiert wurde und durchaus eine Verbesserung in Sicht war, die man auch in Europa importieren könnte. RACK ist die Abkürzung für Risk-Aware Consensual Kink - Risiko bewusste einvernehmliche Perversion. Man kann es nicht nur besser aussprechen, es addressiert auch einige der inhaltlichen Kritikpunkte an SSC. Vor allem ist zu nennen: Es wird nicht der Anschein erweckt, richtiger BDSM wäre absolut sicher. Wir alle wissen, das es keine absolute Sicherheit gibt. Pannen passieren: Dem besten Dom, der besten Domme. Mit dem besten Material. Ein Wort, das gestern noch geil war, löst heute ein Trauma aus. Der Schnitt geht einen Millimeter zu tief. Sich der Risiken bewußt sein, darauf kommt es vielmehr an. Nicht darauf, sie vollständig auszuschliessen: Lug und Betrug! Es gibt immer ein Restrisiko. Mir persönlich ist es wichtig, dieses im Bewußtsein zu halten. BDSM ist geil, lustvoll - wir alle, hoffentlich, wissen auch das -, aber niemals Risiko-frei. Der Schlüssel ist, wie man mit dem Risiko und seinen eventuellen Folgen umgeht. Ebenso wird mit dem schwammigen Vernünftig aufgeräumt. Sollen sie doch trinken und kiffen; es zählt, das sie es bewußt tun. (Einem keulenschwingendem Saubermenschen, welchem jetzt spontan das Adrenalin pulsiert, sei hier der Augen öffnende Besuch einer holländischen, schwulen SM-Fete empfohlen.) Das einvernehmlich ist immernoch enthalten, der Freibrief für die Sklavenhalter ist also nicht ausgestellt - man kann eben nicht alles haben. Aber auch dieses wird durch das Risiko bewußt sehr entschärft: Man ist sich des Risikos der Einwilligung vorher bewußt, was eben auch die Überschreitung des eigenen Willens durch den aktiven Part in diesem Rahmen einschließen kann. Selbst entscheiden, wie bedrohlich die Risiken sind, gegen welche man sich wieweit absichert, und welche man bereit ist, der Lust willen zu tragen - oder gar zu suchen. Weil der Tanz auf Messers Schneide geil ist. Weil wir Grenzen erleben wollen. Im Neuland Fuß fassen und es in unseren Besitz nehmen. Erspart das neue Mantra als endgültige Antwort endlich diese lästigen Erklärungen? Sicherlich nicht. Man kann immernoch fragen, ob man sich denn _dieses_ Risikos wirklich bewußt war, und auch einvernehmlich bleibt ein dehnbarer Begriff, der sich nicht exakt definieren lässt. SSCF hat sicherlich auch weiterhin seinen Platz; es kommt darauf an, mit wem man spricht, wie man das Pferd aufzäumt, denn auf den ersten Eindruck kommt es an. Auch in der Szene jenseits des Atlantiks wird dies durchaus kontrovers diskutiert, welcher Begriff denn nun besser vermittle, was BDSM bedeutet - ich verweise auf die Linksammlung. Mein Fazit jedoch bleibt: mir persönlich gefallen die Konnotationen von RACK besser als die von SSC; und insbesondere die Abwesenheit jener Assoziationen, die man sonst erst mühsam wieder wegdiskutieren muß, und somit näher an dem, was SSCF eigentlich aussagen soll. Weitere Verbesserungen sind wünschenswert. Links: | ||||||
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